Städte, die nicht direkt für ein Lebensmittel bekannt sind wie etwa Neapel für die Pizza oder Paris für ein Brioche, müssen sich schon etwas einfallen lassen, damit man ihren Stadtnamen mit etwas positivem verknüpft. In Hannover hat man sich für diese Aufgabe mehr oder weniger offiziell  die Herrenhäuser Gärten ausgeguckt. Das dazugehörige Schloss ist gerade neu errichtet worden und eigentlich eher ein Schlösschen als ein Schloss geworden, fast schon ein Bürglein mit seinen zwei Geschossen. Es triumphiert seltsam patinafrei über den Platz und ist mit der niedrigen Höhe fast nicht von den Orangerien nebenan zu unterscheiden.

Das beste an diesem Schloss ist neben den vermutlich tollen Innenräumen aber augenscheinlich sein Blick auf die Herrenhäuser Gärten.Barocke Flächenbeherrschung und Pflanzenstrenge soweit das Auge reicht. Blickachsen mit Springbrunnen und Marmorfiguren in Hülle und Fülle, dazu jede Menge Brautpaare, die versuchen, zusammen mit ihrem Fotografen die letzte innovative Perspektive zu finden. Ich flaniere also die langen Wege entlang und merke dabei, dass der Garten genau dafür gemacht worden ist – fürs Flanieren. Man kann prima schlendern und zu zweit oder dritt vertrauliche Kleinigkeiten besprechen. Der Garten ist groß genug, um kurzzeitig das Schloss nicht mehr sehen zu können, aber klein genug, um sich nicht zu verlaufen. Zur Sicherheit ist der ganze Garten zudem von drei Seiten mit einem Bachlauf eingefasst. Ich bin ungestört durch die Weitläufigkeit der Anlage. Die Gartenräume sind mehr oder weniger geschlossen, sodass einige Schlenderpaare sich ungestört bewegen können. Für die Höflinge von vor dreihundert Jahren vermutlich eine der wenigen Gelegenheiten, um ohne fremde Ohren reden zu können. Ich bin mit barocker Gartengestaltung nicht so vertraut, aber mir werden solche Gärten bei aller Bewunderung für den Fleiß schnell langweilig. Natürlich ist es beeindruckend, kilometerlange getrimmte Buchshecken zu sehen und Spaliere von Formschnittlinden, aber so recht will der Funke nicht überspringen bei mir. 

Um so besser, dass direkt gegenüber der Herrenhäuser Gärten der Berggarten liegt. Der Berggarten ist nur einen Bruchteil so groß wie sein polierter Nachbar, aber um Längen saftiger und dichter. Rund um eine Achse aus Mausoleum und Allee ist hier eine Pflanzensammlung entstanden, die schlagartig gute Laune macht. Im August haben viele Gärten eine nicht zu übersehende Blühlücke, hier wird jedoch durchgeblüht. Und das nicht um jeden Preis, sondern mit Fingerspitzengefühl und Verstand. Keine knalligen Hortensien, die alles mit Farbe zukübeln, hier wartet eher eine Präriepflanzung mit satten Sommerfarben auf. Der Rand der Anlage ist mit vielen Bäumen (dabei sehr viele Sammlerstücke, auch aus den Koniferen) bestanden, die lange und ausgedehnte Schattenpflanzungen ermöglichen. Die Gärtner hier zeigen, dass sie sich im Schatten sehr wohlfühlen und lassen hier nicht nur unzählige Hosta-Sorten auftreten, sondern eine Fülle von Laubstauden wie etwa Astilboide tabularis oder Knöteriche, dazu viele Hemercallis und Arum oder Polygonatum. Dieser Garten verströmt aus jeder Pore, dass hier jemand Pflanzen mag.

Vergleicht man die beiden Gärten, wird gut sichtbar, wie unterschiedlich ein Garten gedacht sein kann und wie unterschiedlich Pflanzen verwendet werden können. Die Herrenhäuser Gärten dokumentieren – wie ihr Name schon sagt – eindeutig einen Herrschaftsanspruch. Während im Berggarten die Bedürfnisse der Pflanzen im Vordergrund stehen, steht hier alles in Reih und Glied. Hier stehen die Bedürfnisse des Menschen nach Abgrenzung an oberster Stelle, dem sich alle Pflanzen unterordnen müssen. Was nicht passt, wird passend gemacht. Im Berggarten stehen hingegen die Bedürfnisse der Pflanzen im Vordergrund  und können ihren vollen Habitus entfalten. Die richtige Pflanze am richtigen Ort. Hier müssen sie sich nicht unterordnen, sondern sind gemäß ihrer inneren Ordnung gepflanzt. Keine äußere, menschlich Ordnung war hier maßgebend, sondern eine innere, pflanzliche. Während der eine Garten Kontrolle und Dominanz zeigt, überzeugt der andere Garten durch Hingabe und Pflege. Würde ich jemals ein Motiv für ein Hochzeitsfoto suchen, ich wüsste, in welchem Garten ich ein Motiv finden würde.