Hang zum Garten Teil 1

Am nächsten Morgen bedienten wir mit der geübten Routine eines gelangweilten Barista die Immobilienportale und hielten inne, da die Anzahl der angebotenen Immobilien in Oberwesel von 5 auf 6 gesprungen war. Die bisher dort angebotenen Häuser standen entweder direkt mit der Fensterbank über dem Bahngleis, hatten nur an den längsten vier Tagen im Jahr etwas Sonne oder ein Grundstück, das unter der Fußmatte aufhörte. Dieses neue Haus hatte immerhin 1000 Quadratmeter Garten, war auf den ersten Blick nicht unansehnlich und für den Kaufpreis hätte man in Münster keine Garage erstanden. Die Maklerin versuchte, ihr Staunen zu verstecken, als sie nach der ersten Begehung unsere Zusage hatte. Wenig später trug der Notar die Kaufverträge als monotonen Rap vor und die Tage als Mieter waren gezählt. 

Ich erinnere mich noch an den Moment, als das Haus zu unserem Haus wurde. Nicht rechtlich, sondern gefühlt. Die Wandteller der Vorbesitzer habe ich noch sehr behutsam von der Wand genommen, als ob ich bei jemandem beim Umzug helfen würde. Wir gingen zunächst zaghaft an die Entrümpelung, bis ich irgendwann das tiefe, befriedigende Gefühl entdeckte, wenn ein Stemmeisen eine Fliese am Stück von der Wand bekommt. Der Moment schließlich, wo es unser Haus wurde, war der, als wir die Räume anders nannten. Als wir das Haus übernahmen, war die Küche ganz oben im Giebel. Dort hat man einen fantastischen Blick auf den Rhein, muss aber auch alle Einkäufe drei Treppen hoch tragen. Wir wollten so weit oben keine Küche haben, sondern ein Lesezimmer mit Büchern, einem Klavier und Sesseln. Der Moment, wo es unser Haus wurde, war der, als wir nicht mehr sagten, dass der Akkuschrauber in der Küche liegt, sondern dass der Akkuschrauber im Lesezimmer liegt. Ab diesem Moment war es kein Ausräumen mehr, sondern ein Ankommen. Wie wir erst später erfahren sollten, war es ein Ankommen, das sehr sorgfältig beobachtet wurde. 

In den ganzen Überlegungen, an welchen Ort wir denn nun gehen sollen und ob das Leben in der Stadt oder auf dem Land besser ist, hatte ich völlig unterschätzt, wie unterschiedlich die Kommunikation zwischen Stadt und Land ist. Nicht etwa, weil die Leute anders sind, sondern weil es auf dem Land schlicht weniger Leute sind, mit denen man seinen Alltag bestreitet. Natürlich hatte ich in Münster nicht mit allen 300.000 Einwohnern zu tun, aber es gab mehrere Personenkreise, die sich in nahe und weiter entfernte Kreise mehr oder weniger auffächerten und überlappten. So kamen in der Summe viel mehr Leute zusammen als auf dem Land. So groß die Personenkreise in der Stadt waren, so homogen waren sie aber oft auch. Die meisten Kreise waren sich in Alter, Status und Vorliebe in der Wahl des Speisefettes (Margarine oder Butter) sehr ähnlich. Das ist auf dem Land anders, hier ist die Mischung größer und die Unterschiede egaler. Aus Sicht der Spieltheorie ist es auch nachvollziehbar, bei einer begrenzten Anzahl von Akteuren nicht die Anzahl der Grenzen zu erhöhen.

Zurück zu den Veränderungen am Haus und deren Beobachtung von außen. Unser Grundstück ist ein schmaler Schlauch, der links an einen öffentlichen Wanderweg grenzt. Garten und Weg sind nur durch einen Maschendrahtzaun getrennt und der größte Abstand zum Zaun, den ich einnehmen kann, ist sechs Meter. Wenn ich also im Garten bin und gedankenverloren an etwas jäte, kommen die meisten Wanderer mir so nahe, dass ihnen der Konflikt förmlich an zu sehen ist: Grüße ich oder grüße ich nicht. Der Wanderer ist zwar auf einem öffentlichen Weg und hat mit dem Garten nichts zu tun, ist aber auch so nah dran, dass es unhöflich wäre, nicht zu grüßen. Die meisten grüßen und so kommt es, dass ich mir beim Jäten den Knigge angewöhnt habe, dem Zaun immer den Kopf zuzuwenden, damit niemand meine Rückseite grüßen muss. Offenbar gibt es aber auch das Phänomen, dass der Maschendrahtzaun als Wand verstanden wird wie im Theater, wo zwei Personen miteinander so laut sprechen, dass jeder im Saal sie hören kann, außer der Person auf der Bühne zwei Meter neben ihnen, die offenbar in einem anderen Raum zu sein scheint und als einzige keine Ahnung hat, was da gerade gesprochen wird. So passierte es, dass wir im Garten werkelten und ein Vater seinen Kindern laut und deutlich erklärte, dass da zwei im Garten sind und dass wir da offenbar werkeln würden. Da der Maschendraht so unfassbar schalldicht ist, haben wir davon natürlich nichts mitbekommen und uns langsam mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn gewischt und wie ein Diktatorenstandbild  entschlossen in die Abendsonne geblickt. 

Unser Vorbesitzer hat seinen Garten augenscheinlich geliebt. Das merke ich nicht nur an der guten und gepflegten Gartenerde, sondern auch daran, dass die Oberweseler, die am Garten entlang gehen, gerne ihre Erinnerung an den Garten und an die Vorbesitzer teilen. Die Erdbeeren! Die Kirschen! Und die Feigen erst, ein Traum! Dieser Garten hat durch seine Lage und seine Menschen schon eine ganze Weile gute Erinnerungen verbreitet. Ein solches Grundstück zu übernehmen ist sehr viel leichter als eines wie unser vorheriger Schrebergarten, auf dem Kampfhunde mit Drahtschlingen am Apfelbaum angebunden waren und ich bei jedem Spatenstich mit dem knirschenden Geräusch von Knochen gerechnet habe. 

Ich hatte mir fest vorgenommen, den Garten sofort zu bearbeiten, allerdings war das Haus bei unserem Einzug weit davon entfernt, komfortabel zu sein. Als wir mit dem LKW vor der neuen Adresse in die Bremsen stiegen, hatten wir noch keine Türen im Haus und in den ersten beiden Etagen keinen Strom. Der Garten musste warten – zum Glück. Denn so konnte der Garten zeigen, was in ihm steckt und das war eine ganze Menge. Während wir im Haus wie in einer nicht enden wollenden Kunstperformance Werkzeug von einer Etage in die nächste trugen, erschienen im Garten jede Menge Krokusse und Schneeglöckchen. Die Zwiebeln standen so dicht, dass wir sicher jede zweite mit dem Spaten skalpiert hätten, wenn wir direkt im Februar losgelegt hätten. Nach dieser Welle in Violett und Weiß kommen die gelben Primeln mit den blauen Traubenhyazinthen. Auch die stehen so dicht an dicht, dass wir hier nur Schaden angerichtet hätten. Flockenblumen, Akeleien und Vogelwicken übernehmen diesen Akkord und bereiten alles für die leicht füllige Maikönigin der Staudenrabatte vor: fünf üppige Pfingstrosen. Während das Haus immer mehr bewohnbar wurde, zeigte der Garten, dass er bereits äußerst bewohnt ist. Es ist gut, dass wir zum Zuschauen gezwungen waren, wir hätten einen großen Auftritt ruiniert.