Wie man die Stadt verlässt, neue Wurzeln schlägt und aus einem schrägen Grundstück ein Biotop macht.

Gib dir einen Ruck! Ich hatte diese Einladung zu einer Geburtstagsfeier zwei Jahre lang ausgeschlagen. Die letzten Einladungen zu diesem Geburtstag  in den Jahren zuvor waren unter der Woche, ich hatte in meinem Büro zu viel zu tun und habe auch sonst Gründe für eine Absage gesucht und auch gefunden. Ich gab mir also einen Ruck, verließ mein Büro etwas früher, setzte mich aufs Rad und fuhr zu jener Geburtstagsfeier. Ich kürze diesen Abend und den nächsten Tag ab und greife etwas vor: Auf dieser Geburtstagsparty lernte ich Marcel kennen und ohne Marcel hätte ich vermutlich niemals einen Garten in Oberwesel begonnen. Aber der Reihe nach. 

Wenn man von einer Mittelstadt mit 300.000 Einwohnern in eine Kleinstadt zieht, die mit etwas Wohlwollen 3.000 Einwohner zählt, dann verändern sich die Umstände auch um den Faktor 100. Der Wochenmarkt in Münster füllt den ganzen Domplatz, es gibt eigene Reihen mit Bäckerwagen, Reihen für Käse, für Fisch, Fleisch. Daran anschließend noch die große Blumenseite und nicht zu vergessen die Olivenstände, den Backfisch und Imbisse. Der Wochenmarkt in Oberwesel hingegen besteht aus einem Honigwagen und einem Kartoffelstand, der auch Erdbeeren hat. Das wars. Münster ist Provinzhauptstadt vom Münsterland und strotzt vor Lebensqualität. Reiche Verwaltungsangestellte, Beamte und viele Studenten bringen entweder Geld oder Idealismus in die Stadt, manchmal sogar beides zusammen. Die Mieten steigen so stark, dass es längst nicht mehr gut ist für eine gemischte Stadt. Oberwesel kämpft hingegen mit dem demografischen Wandel und Leerstand. Das Mittelrheintal kann durch die Bahn und die B9 laut und eng sein. Aber jede Stärke kann auch eine Schwäche sein und umgekehrt. So ist es in Münster durch die steigende Beliebtheit auch voller und rummeliger geworden (oder ich bin mit den Jahren sensibler für Lärm geworden, das kann ich gerade nicht sauber trennen). Außerdem ist es für zwei normale Einkommen ohne eine überraschende Erbschaft nahezu unmöglich geworden, ein Haus zu erwerben, das sogar noch ein Grundstück mit gärtnerisch relevanter Größer hat. Die Alternative ist der  Speckgürtel. Die Vorstellung, in einem Schlafdorf zu leben ist allerdings ebenso ermüdend wie die, in einem Neubaugebiet zu wohnen. In Oberwesel hingegen gibt es jede Menge Potenzial und an jeder Ecke Möglichkeiten. Der demografische Wandel der letzten Jahrzehnte hat Lücken gelassen, die darauf warten, wieder genutzt zu werden. Mir schmecken die offenen Potenziale besser als der fertige Ort. Münster ist so lebenswert, dass es fast schon langweilig ist. Mich reizt der Versuch, etwas voran zu bringen mehr. Vielleicht ist auch das eine Designermarotte.

Unsere Suche nach etwas Neuem fing ganz harmlos mit dem Erwerb eines Schrebergartens an. Wir dachten, wir können unsere Wochenenden verschönern und dem bösen Industrie-Essen ein Schnippchen schlagen, indem wir als Selbstversorger jedes Jahr zwei Handvoll Erbsen und vierzehn abgezählte Erdbeeren selber ernten. Der Schrebergarten war unsere Einstiegsdroge in den Garten, aber auch in etwas ganz anderes. Bald bemerkte ich auf dem Rückweg vom Garten in die Stadt ein neues Gefühl. Aus dem entspannten Grün mit Licht und Luft ging es über die Kanalbrücke zurück in das enge und verbaute Bahnhofsviertel mit chronischem Parkplatzmangel und einer immerwährenden Einzugs- und Auszugsparty, die von irgendeiner der zahlreichen Studenten-WGS im Viertel am Leben gehalten wurde so wie einst die Hermann-Teigklumpen. Dieses neue Unbehagen war nur kurz und verflog schnell. Und doch war es ein winzig kleiner Riss in der Scheibe. Ein leiser Zweifel, ob das wirklich der Ort ist, an dem wir bleiben wollen. 

Wir waren in dem Alter, in dem andere ihre Familie gründen, ein Nest einrichten, ein Gartentrampolin aufbauen und sesshaft werden. Wir wollten keine Kinder, erwischten uns aber immer wieder dabei, dass uns Geschichten von Aussteigern und Wechslern fest hielten. Geschichten von Leuten, die ihrem Bauchgefühl gefolgt sind und etwas neues angefangen haben. Besonders auffällig war für mich, dass in diesen Geschichten von Neuanfängen und Brüchen in bestechender Regelmäßigkeit Designer beteiligt waren. Der Wunsch nach Neuem war offenbar groß unter den Designern, ich merkte, dass ich auch zu dieser Gruppe gehörte. Offenbar bringt es ein Gehirn mit sich, das kreative Prozesse gut kann, dass es auch sehr stark auf Neues reagiert. Das kann aber auch heißen, dass das Neue nur gut ist, weil es das Neue ist und bald durch etwas neues Neues abgelöst werden muss. Ich war mir deswegen unsicher, schätzte mein Temperament aber für einigermaßen belastbar ein. 

Die Neuanfangsgeschichten folgen einem bestimmten Strickmuster und beginnen in der Regel mit einem Blick zurück auf eine gewisse Unzufriedenheit der Beteiligten. Das Leben ist fade, unbefriedigend und lässt enorm an Reiz und Perspektive vermissen. Die Beteiligten stehen vor der Entscheidung, das eigene Leben in die Hand zu nehmen oder einfach durchzuhalten. Dann kommt der zufällige Kontakt oder die ins Blickfeld gestolperte schnuckelige kleine Mühle im Wald, was zu einem heißblütigen, oft schnell gefassten Kaufentschluss führt, der lächelnde Makler zurück lässt. Es geht um böse Überraschungen wie einstürzende Decken, Mückenplagen oder geplante Autobahnen direkt am Gartenrand. Diese Berichte enden aber durchweg mit einer Totale auf den neuen Ort in einer saftigen Bildsprache, neben der die Zeitschrift Landlust eine nüchterne Abhandlung von Flechtkörben und Einmachgläsern ist. Hühner picken, Sommerflieder ertrinkt in Schmetterlingen, Kapuzinerkresse rankt sich einen Stakettenzaun hoch und so weiter. 

Wir waren auf dem Level »latent unzufrieden« angelangt und wollten etwas ändern,  aber wir wollten nicht unbedingt das Disney-Ende aus den Beiträgen haben. Der Impuls war also da, es fehlte die Richtung. 

Wenn man die Richtung nach vorne nicht kennt, hilft vielleicht ein Blick zurück. Ich bin in einem kleinen Ort im Münsterland aufgewachsen und zwei Minuten nach dem Schulende vor der dörflichen Enge nach Münster geflohen. Ist es dann eine logische Fortsetzung, nach zwanzig Jahren Stadt wieder aufs Land zu gehen? Wäre nicht eine größere Stadt viel logischer? Hamburg oder Berlin haben sehr schöne Ecken. Oder ist gerade der Schritt zurück logisch, der aber möglicherweise das Leben in Münster als zeitweiligen Eskapismus entwerten könnte? Bin ich nur ein Landei, das aus Versehen in der Stadt gewohnt hat? Kann man Stadtmensch lernen oder muss man da reingeboren werden? 

Marcels Weg führte über einen ähnlich langen Zeitraum über Wiesbaden und Frankfurt nach Münster. Wir waren gerne in der Stadt, hatten aber Pläne gefasst, die in einer Stadt schlecht zu realisieren sind. Wir wollten einen Garten, ein Haus, das die Nachbarn akustisch aus dem eigenen Leben heraushält und wir wollten einen Ort, an dem wir etwas aufbauen können. Das ist eher schwer möglich in einer heruntergekommen Mietwohnung mit sieben Studenten-WGs ringsrum. Wir wollten unsere Lebensbereiche zusammenbringen. 

Unsere Formel für ein neues Leben war eigentlich ganz einfach. Wir brauchten nur einen Ort, an dem wir starten können. Wir hatten eine ungefähre Vorstellung, wie dieser Ort sein sollte, aber auch einen Haufen romantischer Instagrambilder vor Augen. Bei genauerem Hinsehen war unsere Formel nicht ganz so einfach, sodass wir tatsächlich anfingen, von Münster ausgehend, Regionen zu bewerten. Wir dachten uns ein Punktesystem aus, in dem Parameter wie berufliche Chancen, Infrastruktur, Freunde und Familie oder die Nähe zu Schweinemastanlagen akribisch bewertet wurden. Die idyllischen Bauernhöfe rund um Münster waren seit Jahren verkauft und die, die angeboten wurden, waren lächerlich teuer und eher ein wackeliger Heuunterstand als ein Wohnhaus und direkt neben einer Schweinemast. Wir haben uns letztendlich gegen das Umland von Münster entschieden, weil es unerheblich ist, wie weit man weg ist vom Stadtzentrum. Wenn man eine gewisse Distanz zum Zentrum überschritten hat, wenn man erst diese Bannmeile verlassen hat, muss sowieso jeder Besuch angekündigt werden und da fällt es fast nicht ins Gewicht, ob man dann 20 oder 200 Kilometer fährt. 

Ich fasse das Jahr der Hausbesichtigungen zusammen zu einem einzigen Wechselbad aus Seufzen und Stirnrunzeln. Seufzen, weil wir uns schon eingerichtet dort wohnen sahen und die Filmsequenzen mit den scharrenden Hühnern aus den Fernsehbeiträgen mit cremigen Streichern einsetzen. Stirnrunzeln, weil wir den Bericht des Fluglärmbeauftragten gelesen hatten, unsicher waren, ob die morschen Deckenbalken nicht bald durch ihr Eigengewicht nachgeben und der Kaufpreis unser Lebenseinkommen plus zwei Nieren sein sollte. Mit jedem Haus, das nach der Besichtigung aus dem Raster fiel, wuchs gleichzeitig der Druck, doch endlich eines zu finden. Ich weiß nicht, ob es aus dramaturgischen Gründen so geschah, aber es passierte wirklich so: Wir kamen von einer Besichtigungstour zurück, bei der wir gleich drei Häuser auf einmal besuchten. Das letzte war so weit außerhalb, dass es nicht an die Kanalisation angeschlossen war und eine Sickergrube hatte. Diese Sickergrube war auch das, was wir von Weitem schon wahrnehmen konnten. Wir drehten um, ohne auszusteigen und fuhren ohne Musik heim. Die Stimmung war die eines Schauspielers mit einem Jahr Mietrückstand und dem vierzigsten Casting ohne Erfolg. 

Hang zum Garten Teil 2